Kommentar: Pfadabhängigkeiten in der Energiewende am Beispiel der Mobilität

Quelle: Fischedick, M. & A. Grunwald (Hrsg.) (2017)

Die Studie „Pfadabhängigkeiten in der Energiewende – Das Beispiel Mobilität“ im Rahmen des Projektes Energiesysteme der Zukunft analysiert die Entstehung und Bewältigung von Pfadabhängigkeiten am Beispiel des Mobilitätssektors. Zudem werden die Bedeutung von Pfadabhängigkeiten für die Auswahl von Mobilitätsoptionen und ihr Einfluss auf die Gestaltung von Energiesystemen untersucht.

Im Folgenden finden Sie eine kurze Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse aus Sicht von E-Bridge:

  1. Pfadabhängigkeiten bezeichnen die Herausforderung, einmal eingeschlagene Wege wieder zu verlassen. Sie entstehen durch Hürden, die den Wechsel zu einer Alternative erschweren oder gar verhindern. Zu diesen Hürden gehören versunkene Kosten, Skaleneffekte, Netzwerkeffekte oder sich selbst stabilisierende Gedankenmuster.
  2. Die in den 1950er und 1960er Jahren getroffenen Entscheidungen bezüglich der urbanen Mobilität und des Güterverkehrs beeinträchtigen noch heute den Aufbau klimaverträglicher Mobilitätsstrukturen.
  3. Um diesen in der Vergangenheit entstandenen Pfadabhängigkeiten entgegenzuwirken, können emissionsarme Antriebe gefördert und der Güterverkehr verlagert werden. Jedoch bringen diese Veränderungen neue Abhängigkeiten mit sich: Die Elektrifizierung des Verkehrssystems setzt den massiven Ausbau von erneuerbaren Energien und die Bereitstellung geeigneter Flächen voraus. Für die Gestaltung eines klimafreundlichen Güterverkehrs bedarf es dem Aufbau einer neuen Infrastruktur (Oberleitungssysteme, LNG-Tankstellen, Power-to-Fuels-Strukturen).
  4. Die Bedeutung und Auswirkung von Pfadabhängigkeiten sollten auch in politische Entscheidungsprozesse miteinfließen, um potenzielle Anhängigkeiten frühzeitig zu erkennen und einschätzen zu können. Allgemein sollten Entscheidungen, die Pfadabhängigkeiten verursachen, ein öffentliches Thema sein und aktiv durch gesellschaftliche Partizipation begleitet werden.

 

Einordnung durch Dr. Jens Büchner, Geschäftsführer, E-Bridge Consulting

Die Studie des Wuppertaler Instituts für Klima, Umwelt, Energie erhält durch die jüngste Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichtes besondere Aktualität. Deutsche Kommunen dürfen nun eigenständig Dieselfahrverbote verhängen. Eine zur Einhaltung der Stickoxidgrenzwerte wahrscheinlich „alternativlose“ Entscheidung.

Dennoch zeigt diese Entscheidung auch auf, wie stark unsere heutigen Mobilitätskonzepte durch historische Entscheidungen festgelegt sind und zu welchen Umbrüchen eine Veränderung führen kann. In diesem Fall auf den Schultern der Besitzer von Dieselfahrzeugen. Die „Pfadabhängigkeit“ unseres heutigen Mobilitätssystems ist enorm. Entscheiden sich Kommunen für ein Dieselverbot – und gegebenenfalls darüber hinaus auch für den klimafreundlichen Umbau ihrer kommunalen Flotten – so können sie einen unmittelbaren Beitrag zur Verbesserung der Luftbedingungen erreichen. Auf der anderen Seite gehen sie das Risiko ein, dass die von ihnen gewählte Technologie mittel- und langfristig nicht die wirtschaftlichste Lösung ist und somit zusätzliche Kosten verursacht.

Die Entscheider müssen Chancen und Risiken gerade im Hinblick auf den Zeitpunkt ihrer Beschlüsse abwägen. Gerade darin liegt der besondere Wert dieser Studie. Er sensibilisiert, die „Pfadabhängigkeit“ bei ordnungspolitischen Entscheidungen in der Energiewende zu berücksichtigen. Dies betrifft die Förderung Erneuerbarer ebenso wie die Unterstützung CO2-emitierender Anlagen im Wärmesektor. „Angesichts der Tragweite gilt es, Pfadabhängigkeiten zukünftig stärker und frühzeitiger zu berücksichtigen als bisher“.

Wünschen wir uns, dass die Studie einen Beitrag dazu liefert, eine breite gesellschaftliche Debatte über die Wirkung langfristiger Entscheidungen auszulösen und den Wert von Optionalitäten bei der Entscheidungsfindung stärker zu beachten.

Ihr Ansprechpartner

Dr. Jens Büchner »
Nachricht schreiben »
0228 909065-0

Profilbild von Dr. Jens Büchner
Auf LinkedIn teilenAuf Xing teilenE-MailPrint

Relevante Referenzen

  Nach oben
Bitte schalten Sie JavaScript an, wenn Sie Google Analytics deaktivieren möchten.
Nachricht verbergen