Kommentar: Klimapfade für Deutschland

Quelle: BCG, prognos (Januar, 2018)

Mit dem Ziel, bis 2050 die Treibhausgasemissionen in Deutschland um 80 bis 95 % gegenüber 1990 zu senken, hat die Bundesregierung einen ehrgeizigen deutschen Beitrag zur Begrenzung des Klimawandels angekündigt. Die Umsetzung dieser Zielsetzung ist ein langfristiges politisches, wirtschaftliches und gesellschaftliches Großprojekt von enormer Tragweite. Diese Studie zeigt volkswirtschaftlich kosteneffiziente Wege auf, wie bis 2050 die deutsche THG-Reduktion gelingen kann.

Im Folgenden finden Sie ein kurzes Résumé der wichtigsten Erkenntnisse aus Sicht von E-Bridge:

  1. Mit einer Fortsetzung derzeitiger Anstrengungen in Form bestehender Maßnahmen, beschlossener politischer und regulatorischer Rahmenbedingungen sowie absehbarer Technologieentwicklungen (“Referenzpfad”) werden bis 2050 circa 61 % THG-Reduktion gegenüber 1990 erreicht.
  2. 80 % THG-Reduktion sind technisch möglich und volkswirtschaftlich verkraftbar. Die Umsetzung würde allerdings eine deutliche Verstärkung bestehender Anstrengungen, politische Umsteuerungen und ohne globalen Klimaschutz-Konsens einen wirksamen Carbon-Leakage-Schutz erfordern.
  3. 95 % THG-Reduktion wären an der Grenze absehbarer technischer Machbarkeit und heutiger gesellschaftlicher Akzeptanz. Eine solche Reduktion erfordert praktisch Nullemissionen für weite Teile der deutschen Volkswirtschaft und wäre nur bei ähnlich hohen Ambitionen in anderen Ländern vorstellbar.
  4. Mehrere “Game Changer” könnten die Erreichung der Klimaziele in den nächsten Jahrzehnten potenziell erleichtern und günstiger gestalten. Deren Einsatzreife ist aktuell noch nicht sicher absehbar und daher zur Erreichung der Ziele nicht unterstellt, sie müssten allerdings mit Priorität erforscht und entwickelt werden.
  5. Die kosteneffiziente Erreichung der Klimapfade würde aus heutiger Sicht in Summe Mehrinvestitionen von 1,5 bis 2,3 Billionen Euro bis 2050 gegenüber einem Szenario ohne verstärkten Klimaschutz erfordern.
  6. Bei optimaler politischer Umsetzung wären die gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen der betrachteten Klimapfade trotzdem neutral („schwarze Null“), im betrachteten 80 % Klimapfad sogar im Szenario ohne globalen Konsens. Bei Letzterem wäre jedoch ein wirksamer Carbon-Leakage-Schutz notwendig.
  7. Erfolgreiche Klimaschutzbemühungen wären mit einer umfangreichen Erneuerung aller Sektoren der deutschen Volkswirtschaft verbunden und könnten deutschen Exporteuren weitere Chancen in wachsenden “Klimaschutzmärkten” eröffnen.
  8. Gleichzeitig wird Deutschland vor erhebliche Umsetzungsherausforderungen gestellt. Die betrachteten Klimapfade sind volkswirtschaftlich kosteneffizient und unterstellen eine ideale Umsetzung. Fehlsteuerungen können die Kosten und Risiken erheblich steigen oder das Ziel sogar unerreichbar werden lassen.
  9. Erfolgreicher Klimaschutz in Deutschland könnte international Nachahmer motivieren. Negative wirtschaftliche Auswirkungen könnten andere Staaten jedoch abschrecken. Eine vergleichbar ambitionierte Umsetzung innerhalb der G20 Staaten würde diese Risiken deutlich mindern und Exportchancen eröffnen.
  10. Eine erfolgreiche Erreichung der deutschen Klimaziele und eine positive internationale Multiplikatorwirkung sind daher ein politischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Kraftakt. Gefragt ist eine weitsichtige Klima-, Industrie- und Gesellschaftspolitik “aus einem Guss”. Dazu bedarf es für das “Großprojekt Klimaschutz” einer langfristigen politischen Begleitung.

 

Einordnung durch Dr. Vigen Nikogosian (Principal Consultant), E-Bridge Consulting

Die Studie zeigt sehr schön die möglichen Pfade zur Erreichung der Klimaziele auf. Gleichzeitig zeigt die Studie, welche Anstrengungen erforderlich sind, um die erwünschte Senkung der Treibhausgasemissionen zu erzielen. Manche Branchen müssen ihr Energiemanagement vollständig umkrempeln. Das kostet nicht nur viel Geld, sondern auch Zeit, zumal einige vielversprechende Technologien ihren Reifestand bzw. den Markteintritt noch gar nicht erreicht haben.

Eine dieser Technologien ist die Elektrolyse, die Strom zur Wasserstofferzeugung einsetzt. Wasserstoff ist die Grundlage vieler „Power-to-X“-Anwendungen, wie z. B. Power-to-Gas oder Power-to-Liquids. Obwohl die Anwendungsgebiete zahlreich sind zeichnet sich dennoch kein Markteintritt von Großanlagen ab. Und das, obwohl viele Pilotprojekte die technische Machbarkeit erfolgreich demonstriert haben und der Wasserstoff an sich seit 100 Jahren bereits bekannt ist. Woran liegt es nun, dass wir bislang keinen grünen Wasserstoff im Markt haben? Wie so oft findet sich die Ursache in den Kosten, denn Wasserstoff, der mithilfe des grünen Stroms erzeugt werden kann, ist heute alles andere als konkurrenzfähig. Im Vergleich zum „grauen“ Wasserstoff, der durch Erdgasreformierung gewonnen und in der Industrie eingesetzt wird, kostet der grüne Wasserstoff das Mehrfache. Allerdings ist davon auszugehen, dass mit dem Markteintritt von Großanlagen enorme Lern- und Skaleneffekte realisiert werden können. Eines zeigt sich jedoch ganz eindeutig: Den grünen Wasserstoff benötigen wir zur Erreichung unserer Klimaziele.

Im Auftrag von Siemens, Shell und TenneT hat E-Bridge einen Vorschlag erarbeitet, wie der Markteintritt von Großanlagen realisiert werden kann. Die Idee ist es, den Wasserstoff mithilfe von Wind, der auf See erzeugt wird, herzustellen. Dies soll über eine kombinierte Ausschreibung umgesetzt werden. Die BCG/Prognos-Studie bietet eine gute Ergänzung, ein Download ist hier möglich:

Wasserstofferzeugung in Kombination mit Offshore-Windausbau_Studie_gesamt

 

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