Kommentar: Strompreis- und Stromkosteneffekte eines geordneten Ausstiegs aus der Kohleverstromung

Quelle: Öko-Institut (März, 2019)

In Deutschland kann dem Stromsektor der größte Anteil an Emissionen zugeschrieben werden. Deswegen ist eine vollständige Dekarbonisierung des Sektors ein entscheidender Baustein für das Erreichen der Klimaziele – dem Ausstieg aus der Kohleverstromung kommt daher eine besondere Bedeutung bei. Modelle und Ansätze, die einen geordneten Ausstieg betrachten, sind weitestgehend auf eine von der Politik getriebene Stilllegung der Kohlekraftwerke ausgerichtet. Um diese aussagekräftig bewerten zu können, bedarf es einer genauen Betrachtung der Strompreis-  und Stromkosteneffekte. Diese resultieren aus den im System verbleibenden Kohlekraftwerkskapazitäten, den Brennstoff- und CO2-Preisen, dem Ausbau erneuerbarer Energien und den Entwicklungen der Nachbarländer.

Im Folgenden finden Sie ein kurzes Resümee der wichtigsten Erkenntnisse aus Sicht von E-Bridge:

  1. Aus einer komparativen Analyse unterschiedlicher Modellsimulationen für eine politisch induzierte Stilllegung von Kohlekraftwerks-Kapazitäten ergeben sich Strompreiseffekte um den Wert von 0,4 ct/kWh (Bandbreite 0,1 bis 0,6 ct/kWh).
  2. Die Marktdurchdringung erneuerbarer Energien und Brennstoffpreise für Steinkohle und Erdgas beeinflussen die Ergebnisse der Vorhersage entscheidend.
  3. Eine vorgezogene Kohlekraftwerksstillegung, gepaart mit einem verstärkten Ausbau erneuerbarer Energien, führt zu einem Rückgang der Großhandelspreise von 0,4 ct/kWh. Hierbei wirkt die vorgezogene Stilllegung preiserhöhend und der Ausbau preissenkend.
  4. Ein höherer Anteil an erneuerbaren Energien könnte die Umlagevolumina des EEGs erhöhen. Die Höhe und Richtung der Kosteneffekte ist jedoch abhängig von Brennstoffkosten und CO2-Zertifikaten und kann daher nicht näher prognostiziert werden.
  5. Wird von einer Trendfortschreibung der derzeitigen Kompensationsmaßnahmen in der stromintensiven Industrie ausgegangen, so können Unternehmen in diesem Sektor einen großen Anteil der CO2-Preis- bedingten Strompreiseffekte durch diese Kompensationen ausgleichen.
  6. Analysen der Energiestückkosten lassen darauf schließen, dass die Vulnerabilität gegenüber Preisschwankungen in den Brennstoffmärkten – besonders für stromintensive Unternehmen – deutlich gesenkt werden kann.
  7. Strompreiseffekte führen zu keinen gravierenden Kosteneffekten für die deutsche Volkswirtschaft oder die unterschiedlichen Verbrauchergruppen in Deutschland. Voraussetzung ist eine sinnvoll und zielführend gestaltete Gesamtstrategie für die Systemtransformation und entsprechende Kompensationsmaßnahmen.
  8. Die Vielzahl der Einflussfaktoren für die effektiv entstehenden Stromkosteneffekte lässt Kompensationsmaßnahmen jenseits der existierenden Mechanismen (Privilegierungen im Rahmen des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes, Kompensation indirekter CO2-Kosten für stromintensive Industrien) auf der Basis von längerfristigen Ex-ante-Abschätzungen jedoch nur als begrenzt sinnvoll erscheinen. Wenn solche zusätzlichen Mechanismen geschaffen werden sollen, wäre eher eine zeitnahe Spezifikation auf Basis der jeweils robust absehbaren energiewirtschaftlichen Umfeldbedingungen empfehlenswert.

Einordnung durch Dr. Vigen Nikogosian (Principal Consultant), E-Bridge Consulting

Es ist unbestritten, dass die Stromerzeugung unter Einsatz von Kohle wesentlich zum Klimawandel beiträgt. Angesichts dieser Tatsache hat die Politik entschieden, aus der Kohleverstromung auszusteigen und einen Pfad des Austritts ausgearbeitet. Ökoinstitut untersucht in ihrer Studie die Preiseffekte eines „geordneten“ bzw. politisch induzierten Ausstiegs aus dem Kohlestrom und stellt fest, dass keine signifikanten Preiseffekte zu erwarten sind. Vor allem hat das Institut untersucht, dass die Effekte von der Marktdurchdringung erneuerbarer Energien und Brennstoffpreise für Steinkohle und Erdgas entscheidend beeinflusst werden. Sicherlich gibt es noch weitere Preisdeterminanten. Interessant wäre zu sehen, bei welchem CO2-Preis ein marktgetriebener Ausstieg aus der Kohleverstromung stattfinden würde. Denn eigentlich ist der CO2-Preis das politische Lenkungsinstrument zur Erreichung der Klimaziele. Zumal der politisch getriebene Ausstieg aus der deutschen Kohleverstromung sicherlich einen Effekt auf den CO2-Ausstoß in Deutschland hat. Ob damit jedoch der europäischen Klimazielerreichung gedient ist, bleibt ungeklärt. Daher sollte selbst bei einer ausschließlich deutschen Entscheidung, aus der Kohle auszusteigen, auch weiterhin an einem effektiven, effizienten und vor allem europäischen CO2-Lenkungsinstrument gefeilt werden.

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