Kommentar: WindNODE-Thesenpapier “Flexibilität“

Quelle: WindNODE (Februar 2019)

WindNODE erarbeitet Musterlösungen mit dem Ziel, große Mengen erneuerbaren Stroms in das Energiesystem zu integrieren und gleichzeitig das Stromnetz stabil zu halten. Im Handlungsfeld „Flexibilitäten, Markt und Regulierung“ sind die folgenden sechs Thesen entstanden:

  1. Das technische Flexibilitätspotential ist auch künftig größer als der Flexibilitätsbedarf.: Derzeit wird ein großer Teil des Felxibilitätsbedarfs durch konventionelle Kraftwerke und den Stromhandel mit den Nachbarländern gedeckt. Dennoch müssen erneuerbare Energien in relativ großem Maße abgeregelt werden, während die Flexibilität auf der Verbrauchsseite sowie die Potentiale aus der Sektorenkopplung noch nahezu unangetastet sind. Durch diese Potentiale kann 2050, auch bei einem EE-Anteil von 80-95%, genügend, schnell und bedarfsgerecht aktivierbare, Flexibilität vorhanden sein.
  2. Längerfristig verfügbare Flexibilität gewinnt mit dem Ausstieg aus konventioneller Erzeugung und dem Ausbau von fluktuierender Erzeugung an Bedeutung.: Durch den geplanten Ausstieg von großen steuerbaren Erzeugern und den Zubau von Windkraft- und PV-Anlagen wird es schwieriger, längerfristige Stark- und Schwacherzeugungszeiträume über mehrere Tage zu handhaben. Deshalb werden Rahmenbedingungen zur Sicherstellung von Flexibilitäten, Deckung der Dunkelflaut und Nutzung von langanhaltenden Stromüberschüssen benötigt.
  3. Eine Reform des Abgaben- und Umlagensystems ist ein wichtiger Baustein hinzu einem stärker dargebotsgeführten Energiesystem.: Marktverzerrende Regelungen in Bezug auf fossile Energieträger sowie die fehlende Internalisierung externer Kosten führen dazu, dass über den Markt allein der Umbau zu 80-95% EE nicht sichergestellt werden kann. Dies gilt auch für den gewünschten Wettbewerb zwischen den Flexibilitätsoptionen. Es sollte ein level playing field zwischen fossilen und erneuerbaren Flexibilitätstechnologien sowie der Sektorenkopplung geschaffen werden. Dabei aktiviert eine Reform des Abgaben- und Umlagensystems im Stromsektor vorhandene Flexibilität auf der Verbraucherseite. Zusätzliche Flexibilität wird auf der Verbraucherseite durch eine sektorenübergreifende Umlagenreform geschaffen. Diese soll schließlich eine flexible Nutzung von EE-Strom im Verkehrs- und Wärmesektor ermöglichen.
  4. Flexibilität darf die Ökologie des Energiesystems nicht verhindern, sondern soll sie unterstützen.: Bei Mechanismen zum Abruf von Flexibilität ist zu gewährleisten, dass eine möglichst große EE-Strommenge in das Energiesystem integriert wird bzw. dort verbleibt. Unter Berücksichtigung technischer und/oder netztopologischer Eigenschaften und volkswirtschaftlicher Kosten ist die Option mit dem geringsten ökologischen Fußabdruck zu wählen.
  5. Digitalisierung kann Flexibilität in der Breite erschließen.: Durch die günstiger und leistungsfähiger werdende IKT können immer mehr Erzeuger und Verbraucher für Flexibilität erschlossen und Prozesse automatisiert werden. Dabei sollte der Regulierungsrahmen zeitgemäße Lösungen in einer sich permanent verändernden IT-Welt zulassen.
  6. Die Nutzung von Flexibilität kann Netze be- und entlasten. Wir brauchen beides: Flexibilität und Netzausbau.:  Eine marktorientierte Nutzung von Flexibilitäten kann zu Netzengpässen führen, da Netze nicht darauf ausgelegt sind, dass überdurchschnittlich viele Akteure gleichzeitig einen hohen Strombezug realisieren. Demnach ist marktdienlich genutzte Flexibilität unter Umständen ein Treiber für den Netzausbau. Netzdienlich genutzte Flexibilitäten bieten zum einen eine Übergangslösung, bis der Netzausbau realisiert werden kann, da Flexibilitäten in Überlastungszeiten helfen können, im Netz lokal die Systemsicherheiten zu gewährleisten. Zum anderen kann netzdienliche Flexibilität auch langfristig Netzausbau im Falle von Netzengpässen substituieren, der für nur wenige, zeitlich sehr begrenzte Lastspitzen erfolgen müsste.

 

Einordnung durch Dr. Henning Schuster (Principal Consultant), E-Bridge Consulting

WindNODE bestätigt im Thesenpapier „Flexibilität“ die umgreifenden Auswirkungen der zunehmenden Flexibilisierung der Verbrauchsseite sowie die Potentiale aus der Sektorenkopplung auf nahezu alle Bereiche des Stromsystems: Markt, Regulierung, Netzplanung, Netzbetrieb, Netzentgelte.
In all diesen Bereichen kann die Flexibilität einen relevanten Beitrag zum Gelingen der Energiewende leisten, sofern die Rahmenbedingungen richtig gesetzt sind. Dies ist aktuell nicht der Fall:

  • Beschaffungsmöglichkeiten für Flexibilität durch Netzbetreiber fehlen.
  • Regulatorische Kostenanerkennung und Instrumente zur Berücksichtigung von Flexibilität bei Netzausbau fehlen.
  • Flexibilität wird durch erhebliche Umlagen und Entgelte gehemmt.
  • Anreize zur netzdienlichen Flexibilität durch Netzentgeltsystematik fehlen.

E-Bridge erarbeitet deshalb zahlreiche innovative Konzepte – wie zum Beispiel im Bereich Flexibilitätsmärkte, Netzplanung mit Flexibilität, Dynamisierung der Netzentgelte, etc., damit die theoretischen Potenziale tatsächlich nutzbar gemacht werden können – und die Energiewende letztendlich gelingt.

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