Kommentar: Untersuchung zur Beschaffung von Redispatch

Quelle: consentec/Frauenhofer ISI/Navigant/Stiftung Umweltenergierecht (Oktober, 2019)

Im Clean Energy Package der Europäischen Union wird marktbasierter Redispatch als grundsätzlich verpflichtendes Prinzip im Engpassmanagement definiert, von dem nur unter bestimmten Bedingungen abgewichen werden darf. In dieser Studie wird untersucht, inwiefern marktbasierte Ansätze einen hilfreichen Beitrag zur Verbesserung des Engpassmanagements leisten können. Der Fokus liegt dabei auf der Erschließung zusätzlicher Potenziale für Redispatch, dem Anreiz für Inc-Dec-Gebotsstrategien und der Anfälligkeit gegenüber der Ausübung von Marktmacht. Anhand eines Szenarios für 2030 wurden Simulationen mit Modellen des europäischen Strommarkts und Übertragungsnetzes durchgeführt.

Hier eine Zusammenfassung der wichtigsten Studien-Ergebnisse:

  • Durch die zusätzlich verfügbaren Potentiale bei marktbasiertem Redispatch kann sich der Redispatchbedarf um ca. 3 % reduzieren und die Redispatchkosten können sich um etwa 5 % reduzieren. Dies entspricht für das Simulationsjahr 2030 60 Mio. Euro pro Jahr.
  • Inc-Dec-Gebotsverhalten könnte zu erheblichen Verwerfungen führen. Unter der Annahme, dass Marktakteure Engpässe perfekt antizipieren können, würde das Redispatchvolumen durch die Einführung eines marktbasierten Redispatch gegenüber dem heutigen kostenbasierten Redispatch aufgrund der Inc-Dec-Strategien von ca. 44 TWh auf über 300 TWh steigen. Dadurch würden die Kosten der Netzbetreiber bei ca. 3,5 Mrd. Euro statt 1,1 Mrd. Euro liegen, sie wären also etwa um den Faktor drei höher als beim kostenbasierten Redispatch.
  • In der Realität ist nicht zu erwarten, dass Akteure Engpässe perfekt antizipieren können. Marktakteure wenden Inc-Dec-Strategien nur bei gut antizipierbaren Engpässen an, da deren Risiko durch die Inc-Dec-Strategie einen Verlust zu erleiden umso geringer ist, je besser antizipierbar die Engpässe sind. Unsicherheiten bezüglich der auftretenden Netzengpässe begrenzen den Anstieg von Redispatchvolumen und -kosten durch marktbasierten Redispatch zwar, trotzdem ist dieser mit einem Faktor von etwa drei noch erheblich.
  • Die Einführung eines Redispatchmarkts führt generell zu einer Rentenverschiebung, hin zu den im Redispatch eingesetzten Akteuren. Dies führt zu einer Erhöhung der Redispatchkosten, da eine Preisdiskriminierung zwischen Redispatchanbietern im Redispatchmarkt, anders als beim kostenbasierten Redispatch, nicht möglich ist. Beim kostenbasierten Redispatch wird jedes Kraftwerk zu seinen individuellen Kosten abgerechnet, während im Redispatchmarkt eine Abrechnung nach Knotenpreisen erfolgt.
  • Die Anreize zur Ausübung von Marktmacht steigen durch Redispatchmärkte deutlich an. Der jeweils gleiche Akteur kann mit einer gleichen Strategie (maximale Kapazitätsanpassung) die für seine Erlöse relevanten Preise im Redispatchmarkt um ein Vielfaches (Faktor 2 bis 4) stärker in eine für ihn positive Richtung verändern als im zonalen Markt.
  • Insgesamt zeigen die Analysen somit deutlich, dass für die analysierte zukünftige Situation im deutschen Strommarkt und Übertragungsnetz die zu erwartenden Nachteile, insbesondere der dramatische Anstieg von Redispatchvolumen und -kosten, die nur moderaten Vorteile überwiegen. Es bestehen grundsätzliche Bedenken, dass ein Redispatchmarkt zu einem inkonsistenten Marktdesign führt.

Einordnung durch Dr. Jens Büchner (Geschäftsführer), E-Bridge Consulting

Die bereits im Vorfeld vielfach diskutierte Studie zur Beschaffung von Redispatch, die im Auftrag des BMWi durchgeführt wurde, wurde im Oktober 2019 veröffentlicht. Die Ergebnisse erteilen der europäischen Kommission, die im Rahmen des Clean Energy Packages ein marktbasiertes Redispatch als Grundprinzip des Engpassmanagements vorsieht, eine krachende Absage. Marktbasiertes Redispatch ist nach Einschätzung der Autoren kontraproduktiv und Werte vernichtend.

Ich teile die Einschätzung der Autoren, dass das Inc-Dec-Gaming ein ernstzunehmendes Risiko für einen kontinuierenden Markt ist. Daraus die Schlussfolgerung abzuleiten, dass die Nachteile eines marktbasierten Redispatches grundsätzlich gegenüber den Vorteilen überwiegen und damit einem marktbasierten Redispatch eine grundsätzliche Abfuhr zu erteilen, halte ich für voreilig. Wer sich mit Marktdesign in Strommärkten auseinandersetzt, weiß wie wichtig es ist, das tatsächliche Verhalten der Marktteilnehmer zu analysieren. Marktteilnehmer richten sich nicht nach den theoretischen Wirkungsweisen eines Marktdesigns, sondern danach, welche tatsächlichen Gewinnchancen und Risiken durch alle Details des Marktdesigns in der Praxis existieren. Die Wirkungsweise eines Marktdesigns ist deshalb von den vielen Ausgestaltungsdetails abhängig und weniger von den grundsätzlichen Vor- und Nachteilen. Es gibt eine Reihe von internationalen Beispielen für das Inc-Dec-Gaming, in denen sich die Marktakteure bei weitem nicht so extrem verhalten, wie es im akademischen Lehrbuch steht. Einige dieser Beispiele haben wir gemeinsam mit Pöyry Management Consulting zusammengetragen (Positionspapier zum marktorientierten Redispatch für Deutschland).

Eine konstruktive Weiterentwicklung des heutigen Redispatch-Resumes sollte jetzt im Vordergrund stehen und ein Rahmen für die Entwicklung und Umsetzung innovativer Maßnahmen zum Engpassmanagement geschaffen werden. E-Bridge arbeitet zurzeit an diversen Projekten zur Entwicklung innovativer Engpassmanagementkonzepte, die die Verfügbarmachung kostengünstiger Flexibiliätspotenziale anreizen und das enge Korsett kostenbasierten Redispatches aufweichen.

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