Kommentar: Zukunftsszenarien für erneuerbare Energien – wie viel und welche Förderung wird zukünftig benötigt?

Quelle: Fraunhofer ISI, Navigant, Consentec, ZSW, Stiftung Umweltenergierecht, TU Wien (Juli, 2020)

In den letzten Jahren sind die erneuerbaren Energien im Stromsektor immer weiter ausgebaut worden und haben im Jahr 2019 bereits 42,1 % des Bruttostromverbrauchs in Deutschland gedeckt. Gleichzeitig sind die Stromgestehungskosten der erneuerbaren Energien im Stromsektor stetig gesunken. Diese liegen aktuell bereits häufig unter den Kosten konventioneller Kraftwerke. In Zukunft wird ein weiteres Absinken der Kosten erwartet. Vor diesem Hintergrund soll die Frage beantwortet werden, inwieweit kurz-, mittel- und langfristig eine weitere Förderung der erneuerbaren Energien im Stromsektor notwendig ist. Dabei wird auch analysiert, wie eine solche Förderung unter verschiedenen Rahmenbedingungen sinnvoll ausgestaltet werden kann.

Die wichtigsten Ergebnisse:

  1. Bei der Förderung von erneuerbaren Energien im Stromsektor sollte die gleitende Marktprämie als Art der Auszahlung beibehalten werden, ggf. könnte eine Umstellung auf einen jährlichen Referenzzeitraum erfolgen. Mittelfristig könnte auch eine Umstellung auf eine technologieübergreifende Förderung sinnvoll sein. Die gleitende Marktprämie erhalten Betreiber von größeren Erneuerbare-Energien-Anlagen dann, wenn der Marktwert des EEG-Stroms den z. B. in einer Ausschreibung ermittelten anzulegenden Wert unterschreitet.
  2. Gleichzeitig sollten Voraussetzungen für die vollständige Marktintegration geschaffen werden. Dies umfasst den Erhalt und die Verstärkung von Anreizen zu Nachfrageflexibilisierung, Netzausbau und Sektorkopplung sowie die Schaffung angemessener CO2-Preise (im EU-ETS und außerhalb), die erweiterte Nutzung von Herkunftsnachweisen und die Gestaltung der Rahmenbedingungen zur (marktlichen) Risikoabsicherung, wie bspw. PPAs.
  3. Am kostengünstigen unter den untersuchten Instrumenten erscheint die grundsätzliche Beibehaltung des bestehenden Fördersystems, also die Förderung mittels gleitender Marktprämien, verknüpft mit Ausschreibungen zur Mengenbegrenzung und Preisfestlegung.
  4. Ein Auslaufen jeglicher Förderanreize erscheint deutlich verfrüht, da so weder energiepolitische Ziele erreicht werden könnten, noch die Gesamtkostenbelastung der Endkunden gesenkt würde.

Einordnung durch Professor Tobias Veith (Associated Consultant, E-Bridge Consulting)

Die Förderung Erneuerbarer nach dem deutschen Ansatz zielte ursprünglich darauf ab, den Hochlauf der Erneuerbaren zu ermöglichen und Erneuerbare gegenüber Konventionellen marktfähig zu machen. Dabei wurde von Beginn an auf eine differenzierte Förderung wert gelegt, was vor allem Klein- und Kleinsterzeugern im Bereich von PV, Wind und Biomasse zugute kam. Dass dieser Förderansatz sinnvoll überdacht wird und auch weitergedacht werden muss, hat nicht zuletzt die Pleitewelle im Bereich der Biomasse gezeigt. Andererseits stellt sich zurecht die Frage, inwieweit eine Förderung bei einem EE-Anteil von 47 Prozent an der Netzlast 2019 (siehe www.smard.de) mit wachsender Stundenzahl mit negativen Preisen und steigenden Exportmengen in Starkwindphasen überhaupt sinnvoll ist. Die großangelegte Studie unter der Leitung des Fraunhofer ISI trifft das eigentliche Problem im Kern. Denn wie sollen unter diesen Voraussetzungen Erneuerbare in einen wettbewerblichen Kontext geführt werden, in dem sie sich marktbasiert refinanzieren können?

Zwei Aspekte müssen gegeneinander abgewogen werden:

  1. Kurzfristig sind Erneuerbare sehr wohl marktfähig – aber aktuell noch nicht in der Lage, über das komplette Jahr die benötigte Energie bereitzustellen.
  2. Langfristig müssen Erneuerbare weiter ausgebaut werden, um die entstehende Versorgungslücke durch den Rückbau der Konventionellen in Deutschland in den kommenden 18 Jahren zu schließen.

Die Studie zeigt mit unterschiedlichen Zeithorizonten auf, dass die Förderung der Erneuerbaren weiterentwickelt werden sollte. Die Ergebnisse deuten aber zugleich darauf hin, dass eine solche Förderung aktuelle Entwicklungen seitens des Marktes und seitens der Technologieneutralität berücksichtigen muss. Potenziale für eine Weiterentwicklung der Studie liegen sicherlich im Bereich der Netzintegration und der Sektorenkopplung. Dadurch verschieben sich die aktuellen Grenzen für den Ausbau der Erneuerbaren und deren Systemintegration. Dies wirkt sich sowohl (kurzfristig) auf den Wettbewerb im Stromsektor und damit auf die Positionierung der Erneuerbaren aus. Gleichzeitig bietet dies (langfristig) auch zusätzliche Investitionsanreize. In diesem Sinne sollte die Erneuerbarenförderung in einem systemischen Kontext bspw. unter Berücksichtigung der Förderung von Wasserstoff und der Beanreizung von Flexibilitäten im Stromsektor (weiter) diskutiert werden.

Seit jeher unterstützt E-Bridge Akteure der Energiewirtschaft bei der Marktintegration und Weiterentwicklung von Erneuerbaren – ganz aktuell sowohl im Verteilnetzbereich (Stichworte NABEG 2.0 oder Zeitvariable Netztarife) als auch bei der Kopplung mit Wasserstoff (Stichwort: Reallabore der Energiewende). Unsere eigenen Erfahrungen aus der Zusammenarbeit mit den zentralen Akteuren in diesen Bereichen bestätigen die Erkenntnisse der Studie. Aus diesen Erfahrungen sehen wir aber auch die Potenziale zur Weiterentwicklung der Studie.

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