Kommentar: Breakthrough Strategies for Climate-Neutral Industry in Europe: Policy and Technology Pathways for Raising EU Climate Ambition

Quelle: Agora Energiewende, Wuppertal Institut (November 2020)

Die Grundstoffindustrien sind ein Grundpfeiler der europäischen Wirtschaft, aber auch eine Quelle hoher Treibhausgasemissionen in der EU. Trotz Effizienzverbesserungen sind die Emissionen dieser Industrien über die letzten Jahre konstant geblieben und machen ca. 20 % der gesamten Treibhausgasemissionen der EU aus. Die Studie betrachtet die Frage, wie die Grundstoffindustrien in der EU bis 2050 klimaneutral werden und gleichzeitig eine starke Position in einem hart umkämpften globalen Markt behalten können..

Die wichtigsten Ergebnisse:

  1. Angesichts des neuen Paradigmas, bis 2050 Klimaneutralität zu erreichen, wird die aktuelle Klima- und Industriepolitik zu Investitionsverlagerungen führen oder das Risiko irreversibler Kosten (‚Sunk Costs‘) bergen. Industrieunternehmen wissen: Das EU-Ziel der Klimaneutralität bis 2050 hat klare Implikationen für industrielle Reinvestitionen in den 2020er-Jahren. Kohlenstoffintensive Technologien haben Lebensdauern von bis zu 70 Jahren. Reinvestitionen in langlebige Anlagen werden nicht getätigt – es sei denn, es gibt einen Investitionsrahmen, um klimaneutrale Technologien einzusetzen.
  2. Mit einem neuen politischen Rahmen können die Grundstoffindustrien ein erhöhtes EU-Klimaziel für 2030 von mindestens -55 Prozent unterstützen. Die wichtigsten kohlenstoffarmen Technologien sind verfügbar und können weit vor 2030 eingesetzt werden. Das CO2-Vermeidungspotenzial der kohlenstoffarmen Schlüsseltechnologien allein im Stahl-, Chemie- und Zementsektor beläuft sich bis 2030 auf 145 Mio. t CO2 und übertrifft damit die im Rahmen des EU-Emissionshandelssystems geforderten Emissionsreduktionen der Industrie. Ihr Einsatz wird einen Durchbruch für die eu-ropäische Industrie bedeuten und ihr eine führende Rolle in der Welt sichern.
  3. Bis 2030 werden 30 bis 50 Prozent der bestehenden Anlagen in der Zement-, Stahl- und Chemieindustrie umfangreiche Reinvestitionen erfordern. Neue politische Maßnahmen sind jetzt erforderlich, um einen Business Case für zukunftsweisende Technologien zu schaffen. Wichtige kohlenstoffarme Technologien sind verfügbar, aber ihre Vermei-dungskosten liegen immer noch im Bereich von 100 bis 170 €/t CO2. Die EU sollte so schnell wie möglich politische Instrumente verabschieden, um die Lücke zwischen diesen Vermeidungskosten und dem EU-Emissionshandelspreis zu schließen.
  4. Europa braucht 2021 ein „Clean Industry Package“, um zukunftsweisende Investitionen anzustoßen und bestehende Anlagen zu schützen. Durch die Verbesserung bestehender Instrumente zum Schutz vor Carbon Leakage wird es möglich sein, bestehende Anlagen zu schützen, bis sie ersetzt werden können. Gleichzeitig ist eine entscheidende Unterstützung für Investitionen in innovative Technologien erforderlich. Dies sollte in Form von Kohlenstoff Differenzverträgen, Planung und Finanzierung für saubere Energieanlagen und Infrastruktur sowie Standards zur Schaffung von Märkten für klimaneutrale und kreislauffähige Produkte erfolgen.

Einordnung durch Janis Kaltschnee (Senior Consultant, E-Bridge Consulting)

Die interessanten Erkenntnisse der Studie verdeutlichen, dass der Transformationsprozess der Energiewende nach dem Stromsektor nun auch andere Sektoren umfassen und nachhaltig verändern muss. Dem Industriesektor kommt in der Transformation eine Schlüsselrolle zu. Das gesellschaftliche Ziel der Klimaneutralität für das Jahr 2050 erscheint zwar gegenwärtig noch in der Ferne. Betrachtet man industrielle Investitionszyklen von bis zu 70 Jahren, stellen sich aber bereits heute viele Fragen. Manche Investition, die in kurzfristiger Betrachtung lukrativ ist, birgt möglicherweise in langfristiger Perspektive die Gefahr von ‚stranded investments‘. Ein zentrales Instrument der Politik, um effiziente Investitionen anzureizen, existiert mit dem EU-Emissionshandel jedoch bereits heute. Wichtig ist es, das Instrument weiter in den Fokus langfristigen, politischen Handelns zu rücken und die Lenkungswirkung durch echte Knappheit der Zertifikate zusätzlich zu stärken. Dadurch kann der Vorteil einer möglichst effizienten Zielerreichung weiter garantiert werden.

Wenn das Instrument des ETS in der Praxis wirkungsvoll sein soll, muss es flankierend unterstützt werden, um Investitionen nicht ins Ausland zu verdrängen. Im Spannungsfeld zwischen der Analyse langfristiger Entwicklungen und kurzfristig sinnvoller Entscheidungen hat E-Bridge bereits in vielfältigen Projekten unter Beweis gestellt, welchen Mehrwert eine plausible und konsistente Untersuchung des zukünftigen Umfelds für eine erfolgreiche Entscheidungsfindung bieten kann. Mit einer stärkeren Kopplung der Sektoren umfassen die Entwicklungen nicht mehr nur den Stromsektor, sondern stehen zukünftig auch verstärkt in Interaktion mit den anderen Sektoren Industrie, Verkehr, etc. In der Entwicklung schlüssiger Zukunftsszenarien steht eine ganzheitliche Betrachtung aller Sektoren daher im Mittelpunkt der Analysen. Am Ende geht es nicht um zusätzliche Gelder für Industrieunternehmen, sondern um eine sinnvolle Kompensationen der erhöhten Investitionsrisiken in Deutschland, um damit die langfristige Wertschöpfung aus nachhaltigen Wirtschaftsprodukten in Deutschland zu erreichen.

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