Kommentar: Netzengpässe als Herausforderung für das Stromversorgungssystem – Optionen zur Weiterentwicklung des Marktdesigns

Quelle: Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina, acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften, Union der deutschen Akademien der Wissenschaften (Oktober 2020)

Mit der Energiewende und der europäischen Energieunion wachsen die Herausforderungen für die Netzbetreiber, die für die Stabilität in den Stromnetzen verantwortlich sind: Durch die steigende Einspeisung aus Erneuerbare-Energien-Anlagen, veränderte Lastprofile neuer Verbraucher wie Elektrofahrzeuge, einen voraussichtlich wachsenden Stromverbrauch sowie die Ausweitung des grenzüberschreitenden Stromhandels kommt es häufiger zu Netzengpässen. Netzausbau ist nicht immer rechtzeitig möglich, aufgrund von mangelnder Akzeptanz teilweise schwer umsetzbar und teilweise nicht die günstigste Lösung, um eine sichere Stromversorgung zu gewährleisten. Damit drohen hohe Kosten, um Netzengpässe zu beheben sowie ein erhöhtes Ausfallrisiko der Stromversorgung. Daher wird geprüft, ob durch Änderungen des Marktdesigns Netzengpässe zukünftig effizienter und effektiver vermieden werden können.

Optionen für Anpassungen des Marktdesigns

  1. Geeignete Preissignale können dafür sorgen, verfügbare Transportkapazitäten des Stromnetzes bei der Einsatzplanung von Erzeugungs-, Speicher- und Verbrauchsanlagen zu berücksichtigen und Netzengpässe bereits im Vorfeld zu vermeiden. Sie können sowohl beim Stromgroßhandelspreis als auch bei den Netzentgelten ansetzen. Solche Ansätze sollten verstärkt geprüft werden.
  2. Auslastungsorientierte Netzentgelte haben den Vorteil, dass sie sich in das System einer einheitlichen deutschen Stromgebotszone integrieren lassen. Allerdings müsste ein solcher Ansatz zunächst ausgearbeitet und erprobt werden.
  3. Die marktbasierte Beschaffung von Flexibilität zur Behebung verbleibender Netzengpässe würde Anreize setzen, Flexibilitätspotenziale gerade auch auf der Lastseite besser zu nutzen und Innovationspotenziale zu erschließen. Die Funktion der Strom- und Flexibilitätsmärkte müsste allerdings kontrolliert werden. Ähnliches gilt, wenn erhöhte finanzielle Anreize für die Bereitstellung von Flexibilität das heutige System einer kostenbasierten Beschaffung ergänzen würden. Solche Ansätze sollten weiterverfolgt werden.

Einordnung durch Benedikt Deuchert (Senior Consultant, E-Bridge Consulting)

In der Energiebranche etabliert sich zunehmend die Erkenntnis, dass Netzausbau alleine nicht ausreichen wird, um die ambitionierten Ziele beim EE-Ausbau realisieren zu können. Zwar mag Netzausbau in vielen Bereichen auf absehbare Zeit die kostengünstigste Alternative bleiben, aber nicht zuletzt angesichts der komplexen und langwierigen Planungsverfahren ist auch mittelfristig ein Zustand realistisch, in dem der Netzausbau den Erfordernissen hinterherhinken wird.

Netzengpässe sind die Folge, und die an der vorliegenden Stellungnahme beteiligten Wissenschaftler weisen zu Recht darauf hin, dass das heutige Marktdesign vor dem Hintergrund anhaltender substantieller Netzengpässe stark reformbedürftig erscheint.
Im Hinblick auf die Schaffung von Preissignalen zur Abbildung von Engpässen ist den Autoren in ihrer Einschätzung zuzustimmen, dass neben Marktpreissignalen, z.B. durch Auftrennung der einheitlichen Strompreiszone oder gar durch Einführung eines Knotenpreissystems – Themen mit hoher politischer Sprengkraft – auch die Einführung von zeitvariablen Netztarifen Preisanreize zur Vermeidung von Netzengpässen liefern kann. Aus unserer Sicht sind die Hürden für eine flächendeckende Einführung zeitvariable Netztarife allerdings nicht so hoch wie von den Autoren unterstellt. Dies wurde beispielsweise durch das Konzept belegt, das E-Bridge gemeinsam mit MITNETZ Strom hierzu erarbeitet hat.

Sehr zu begrüßen ist auch die Betonung von Möglichkeiten durch die Autoren, die verbleibenden Engpässe, die auch mit Preisanreizen nicht vermieden werden konnten, effizienter zu beseitigen. Marktbasierte Ansätze für Engpassmanagement werden aus gutem Grund zum Zielmodell auf europäischer Ebene erklärt, denn die versprechen die Erschließung neue Flexibilitätspotentiale insbesondere auf der Lastseite und schaffen den Rahmen für Innovationen, die dringend benötigt werden und die nicht staatlich verordnet werden können.

Politische Entscheidungsträger sollten den Umgang mit Netzengpässen nun mit einer entsprechenden Priorität versehen und die nötigen Weichenstellungen vornehmen, um das Marktdesign besser auf dauerhafte Netzengpässe abzustimmen.

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