Kommentar: Wasserstoff über die Gasverteilnetze für alle nutzbar machen

Quelle: DVGW Deutscher Verein des Gas- und Wasserfachs e. V. (November 2020)

Im Rahmen des Projektes „H2vorOrt“ haben sich 33 Projektpartner, welche zusammen ca. 50 Prozent der deutschen Gasverteilnetze betreiben, zusammengeschlossen. Diese gehen der Frage nach, wie eine regionale und sichere Versorgung mit klimaneutralen Gasen in Zukunft bundesweit konkret ausgestaltet werden kann und welcher Transformationspfad hierfür durchlaufen werden muss. Die Gasverteilnetze sind elementarer Bestandteil der verlässlichen Energieversorgung und Rückgrat für den Wirtschaftsstandort Deutschland sowie für die privaten Haushalte. Gasverteilnetze bieten technisch und wirtschaftlich ideale Voraussetzungen, um klimaneutrale Gase aufzunehmen, zu speichern, zu transportieren und in alle Sektoren zu verteilen. Sie werden sich daher zur führenden Verteilinfrastruktur von Wasserstoff entwickeln. Es werden konkrete Empfehlungen für die Politik gegeben, um den Transformationsprozess der Gasverteilnetze so zügig wie möglich voranzubringen:

Die wichtigsten Handlungsempfehlungen:

  1. Das Ziel der Klimaneutralität sowie ein konkretes Ziel für den Anteil klimaneutraler Gase am Gasmix sollte gesetzlich verankert werden. Für den Stromsektor existiert im Koalitionsvertrag und im EEG bereits ein konkretes Grünstromziel: Bis 2030 soll der Anteil erneuerbarer Energien am Stromverbrauch 65 Prozent betragen. Ein Ziel für klimaneutrale Gase sollte ebenfalls politisch definiert und gesetzlich verankert werden. Die Weiterentwicklung der Gasnetze muss dann an diesem Ziel und dem der Klimaneutralität orientiert werden. Die Investitionen müssen demzufolge danach ausgerichtet werden.
  2. Die dringlichsten Maßnahmen der Nationalen Wasserstoffstrategie zur Initiierung von Investitionen in H2-Erzeugung und H2-Netzinfrastrukturen sollten zeitnah umgesetzt werden. Konkret betrifft dies unter anderem die EEG-Umlagebefreiung von Elektrolysestrom ab dem 01.01.2021, die Förderung von hocheffizienten Brennstoffzellenheizgeräten, das Erstellen von regulatorischen Grundlagen für die H2-Infrastruktur und die Zusammenarbeit mit Partnerländern zur Bildung einer Wasserstoffallianz.
  3. Auf Basis der existierenden Gasnetzregulierung sollte zeitnah einen regulatorischen Rahmen für die Nutzung von Wasserstoffnetzen geschafft werden.
  4. Für fortschrittliche Gasendanwender sollten Boni geschaffen werden: ein Klimabonus, der den Einsatz klimaneutraler Gase fördert und ein H2-Umstellungsbonus, der die Umrüstung von Kundenanlagen auf H2 fördert.
  5. Es sollte geprüft werden, ob eine Fondsfinanzierung Hürden bei der Netzertüchtigung beseitigen kann. Die Netzbetreiber müssen Investitionen in die H2-Readiness der Gasverteilnetze und deren Umstellung auf 100 Prozent H2 zeitnah vornehmen können. Hierzu sollte eine angemessene Kapitalausstattung der Gasverteilnetzbetreiber für die Umstellungsinvestitionen z. B. über innovative Instrumente der KfW ermöglicht werden.

Einordnung durch Dr. Christian Schneller (Associated Consultant, E-Bridge Consulting)

Die „H2 vor Ort“-Studie von 33 Gasverteilnetzbetreibern unter Begleitung des DVGW steht zusammen mit dem Vorschlag eines „visionären Wasserstoffnetzes“ der Fernleitungsnetzbetreiber für das Leitmotiv der Branche, die künftige Wasserstoff-Infrastruktur organisch aus den heutigen Erdgasnetzen heraus zu entwickeln. Neben der teilweisen Umstellung paralleler Transportleitungen sind dafür höhere Wasserstoff-Beimischungen im Erdgasnetz und ein Konzept zur schrittweisen Umstellung einzelner Fernleitungen und Netzbereiche auf eine vollständige Wasserstoffversorgung notwendig.

Für einen solchen integrierten Transformationspfad spricht Einiges: Die „H2 vor Ort“-Studie liefert zahlreiche Vorschläge, wie die schrittweise Umstellung der Verteilnetze auch bei Letztverbrauchern und ihren Endgeräten gelingen kann. Und die bislang auf maximal 2% begrenzte Beimischung von Wasserstoff würde schon heute Einspeisungen von mehreren 1000 MW Elektrolysekapazität in unser Erdgasnetz ermöglichen. Durch eine verbindliche Beimischungsquote könnte der Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft zudem gerade in der Anfangsphase vereinfacht werden. Zusatzkosten durch die Umstellung der Nachfrageseite würden zunächst entfallen und man könnte sich auf eine „netzdienliche“ Einbindung großer Elektrolyseure konzentrieren.
Spannend bleibt aus heutiger Sicht zweierlei: Zum einen, ob sich die Politik doch noch bereitfindet, dem „Champagner der Energiewende“ so wie von den Verteilnetzbetreibern vorgeschlagen, auch im Wärmesektor eine Chance zu geben. Dies muss langfristig nicht immer die energiewirtschaftlich beste Lösung sein, kann aber bei einer geringen Durchmischungsquote die Kosten und die Komplexität für den Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft reduzieren. Zum anderen, inwieweit die Regulierung der Wasserstoffnetze dem Leitmotiv einer integrierten Gas/Wasserstoff-Regulierung folgen wird oder – so wie im aktuellen Referentenentwurf für die EnWG-Novelle – eher auf einen eigenständigen Regulierungsansatz für Wasserstoffnetze mit verhandeltem Netzzugang und Opt-in-Modell setzen wird. Auch wenn die europarechtlichen Bedenken gegen den integrierten Ansatz nicht einfach vom Tisch zu wischen sind, wäre eine klare politische Richtung hier wünschenswert.

E-Bridge schaut auf eine lange Historie der Entwicklung und Umsetzung ordnungspolitischer und regulatorischer Rahmenbedingungen in der Strom- und Gaswirtschaft zurück und bringt diese auch in die aktuelle Wasserstoff-Debatte ein.

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